02 2010
| Leseprobe STELLUNGNAHMEN |
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Was bedeutet die Internationalisierung der Geisteswissenschaften für die Philosophie? |
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Gegenwärtig wird wissenschaftspolitisch eine Internationalisierung der Geisteswissenschaften gefordert bzw. gefördert. Was bedeutet das für die Philosophie? Pirmin Stekeler: Bevor man vernünftigerweise etwas zu der Frage des Sinns eines wissenschaftsstrukturellen Unternehmens wie das der Internationalisierung der Geisteswissenschaften über entsprechende Steuerungsmechanismen, nämlich durch finanzielle Anreize und Verlockungen, und dann auch zu ihrer Bedeutung für die Philosophie sagen kann, sollte man sich wohl vergewissern, was denn die Aufgaben der Geisteswissenschaften und der Philosophie sind oder sein sollten und was für ein ‚Wissen’ es ist, das in diesen akademischen Disziplinen produziert und vermittelt wird oder werden sollte. Denn sonst bleibt alles bloße Reaktion auf das, was irgendwelche Kommissionen in ihrer konsensuellen Weisheit zeitgeistgemäß für gut befunden haben. Mit dem heute kaum mehr begriffenen Heidegger ist nämlich gegen Idealismen habermasscher Prägung zu betonen, dass ‚Konsens’ realbegrifflich zunächst orthogonal zu dem steht, was ‚vernünftig’ zu heißen verdient. In der wirklichen Welt ist Konsens bloß der kleinste Nenner dessen, was man so meint und was daher gerade nicht durchdacht ist. Wenn es nun richtig ist, dass die Geisteswissenschaften insgesamt, nicht bloß die Philosophie, auf ein Orientierungswissen ausgerichtet sind, das immer schon im Rahmen des gemeinsamen institutionellen Handelns steht, nicht auf ein sachhaltiges Wissen, wie es unser technisches Können leitet, dann gehen ihre Aufgaben weit über das hinaus, was ihnen die restliche Wissenschaftsgemeinschaft aus ihrem naturgemäß positivistischen Selbstverständnis heraus zuzugestehen bereit ist: eine bloße historia oder Tatsachen- und Wissensgeschichte. Es geht vielmehr um ein Begreifen der kooperativen Verfassung von Vernunft in ihrer prekären Spannung zwischen den Urteilen autonomer Personen und einem gemeinsamen Handeln. Auflösen lässt sich diese Spannung immer nur durch die Entwicklung eines kulturellen Bewusstseins, wie es die Geisteswissenschaften und die Philosophie gemeinsam entwickeln, durchaus auch als Wissen über religionsartige oder zivilreligiöse Bindungen in den relevanten ‚Wir-Gruppen’. Diese verbleiben zunächst aus guten geschichtlichen Gründen innerhalb eines ’Volkes’ im Sinn einer Schriftsprachengemeinschaft, bevor der Biologismus im Verein mit dem Imperialismus des 19. Jahrhunderts diesen wesentlichen Sinn gerade auch des Wortes „Nation“ (neben dem des Staatsvolkes) teils tribalistisch, teils rassistisch zerstörte – und Europa entsprechend aufsplitterte. Da nun kulturelle Kooperationsprojekte eines Volkes nie schon per se die ganze Weltgemeinschaft umfassen, wohl aber die immer auch ethische Platzierung der Nation in der Welt, ist schon die idealistische Prämisse irreführend, wahre Geisteswissenschaft und Philosophie müsse international, daher auch nach Möglichkeit in einer internationalen lingua franca artikuliert sein. Letzteres wäre etwa so, wie wenn wir in den Kirchen und Opernhäusern das Englische als liturgische Sprache einführten. Diese ‚These’, die wohl eher eine generische Feststellung ist, schließt freilich keineswegs aus, dass wir – wer immer je ‚wir’ sind – von den je anderen lernen können. Im Gegenteil. Aber von anderen zu lernen bedeutet im Bereich der autonomen Aneignung von Institutionen, Praxisformen und kulturellen Selbstentwicklungen immer etwas ganz anderes als im Bereich des Sachwissens etwa der Naturwissenschaften, der bloßen historia oder der Technologie. Im Übrigen ist die ‚Methode’ des ‚Argumentierens’ in den Geisteswissenschaften und der Philosophie eben deswegen anders als die einer bloßen Sachwissenschaft, weil es um freie Anerkennung von autonomen Selbstverständnissen im Umgang mit eigenen und fremden Kulturtraditionen geht. Hier ist, wie in jedem Fall bloßer Vorschläge zur gemeinsamen Formung von Kultur, der kritische Streit um das gemeinsam Anerkennbare und, wie in den Rechtswissenschaften, seine genau verstehbare sprachliche Formulierung die Methode. Die Ergebnisse wiederholbarer Beobachtungen, wiederholbarer technischer Experimente, archäologischer, archivarischer und erst recht mathematischer Beweise sind dagegen auf fast selbstverständliche Weise übersetzungsinvariant. Für deren Darstellung ist die geisteswissenschaftliche und philosophische Pflege einer nationalen Schriftsprachenkultur zwar keineswegs unerheblich, aber oft sekundär. Für die Philosophie ist der Gedanke der Internationalisierung ihrer ‚Argumente’ und ‚Ergebnisse’ aber gerade auch deswegen eine irreführende Illusion, weil sie wesentlich Begriffs- und damit Schriftsprachenentwicklung war und ist, weit über die Enge der Verwendung der internationalen Schriftsprache mathematischer Formallogik hinaus. ... |
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