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02 2010

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Herbert Schnädelbach:
Religion in der modernen Kultur


Man wird sich wohl kaum über Fragen der Religion in der modernen Kultur verständigen können, ohne zuvor zumindest anzudeuten, was man mit den Begriffen ‚Religion‘ und ‚moderne Kultur‘ jeweils meint.

„Religion“

Was die Religion betrifft, so liegt es nahe, von unserem alltäglichen Vorverständnis auszugehen. Ich denke, wir halten sie heute für etwas Persönliches, und wenn wir nicht nur nach unserer Konfessionszugehörigkeit, sondern nach unserer religiösen Einstellung gefragt werden, haben wir den Eindruck, dass hier Intimitätsgrenzen berührt sind. Es ist übrigens ähnlich mit politischen Themen, die wir auch in der Familie oder unter Bekannten nicht so gern anschneiden, aber da geht es uns mehr um Streitvermeidung, während wir bei Glaubensfragen eher der Meinung zuneigen, dass hier ein Streit gar nicht lohnt, weil sie halt „Privatsache“ seien, und sie jeder für sich selbst beantworten müsse. Hier ist eine moderne Variante dessen im Spiel, was man vor dem Hintergrund der Begriffsgeschichte den subjektiven Religionsbegriff nennen kann; er betrifft die Überzeugungen, Haltungen und Lebensstile derer, die sich und anderen Religiosität zuschreiben.

Daneben sprechen wir auch von Religion in einem objektiven Sinn und verwenden dabei in der Regel den Plural; da beziehen wir uns auf Religionen als kulturelle Großgegenstände, d. h. auf Glaubenssysteme wie den Taoismus, den Shintoismus, den Buddhismus, das Judentum, den Islam, und dann ebenso das Christentum. Wenn wir so über Religion reden, geschieht dies in einer quasi-ethnologischen Perspektive, d. h. in der Rolle von Beobachtern, die das Religiöse, an dem sie selbst teilhaben mögen, dabei ausklammern oder unter dem Mantel der Intimität verbergen. – Der traditionelle Religionsbegriff, der bis auf terminologische Festlegungen Ciceros zurückgeht, war auch objektiv zu verstehen gewesen, aber nicht im Sinne wissenschaftlicher Objektivierung, sondern als Inbegriff der Praxis der richtigen Gottesverehrung, die für alle Menschen verbindlich ist; wer nicht an der eigenen institutionell verfassten Einheit von Kultus und Bekenntnis teilnimmt, hat in dieser Sichtweise gar keine Religion, sondern ist gottlos, „Heide“. Das subjektive Pendant war hier nicht unsere moderne Religiosität, sondern bei Cicero die pietas und bei Thomas die auch als Tugend verstandene religio, wobei freilich beides bezogen war auf das objektiv-richtige Religionssystem, d. h. das eigene.

Der Übergang vom objektiven Religionsbegriff in der Teilnehmerperspektive zu dem in der Beobachterperspektive war ein langer Prozess, der zu Beginn der Neuzeit einsetzt und eng mit der Geschichte der europäischen Aufklärung zusammenhängt; davon später mehr. Was hier geschieht, wird besonders deutlich anhand der Geschichte des Begriffs ‚Christentum‘, der erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkommt und den älteren Begriff ‚Christenheit‘ ablöst. Man stelle sich vor, im Weihnachtslied hieße es: „Freue, freue dich, o Christentum!“ Was ist hier geschehen? Der eigene Blick aufs Fremde anderer Religionen, die man als Religionen überhaupt erst noch anzuerkennen lernen musste, wurde zum fremden Blick aufs Eigene fortgebildet, und nun stand im Ergebnis die eigene religiöse Tradition in einer Reihe mit anderen Traditionen, mit denen man sich jetzt „wertfrei“ und ohne konfessionellen Bekenntnisdruck beschäftigen konnte. Man kann sagen, der Begriffswandel „Von der Christenheit zum Christentum“ signalisiert den Übergang von der christlichen Theologie zur Religionswissenschaft.
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