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Vorträge

10.05.2010 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Otto Neumaier: Glück und Moral

Glück und Moral
Otto Neumaier




Im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen stehen einige wichtige Aspekte des Verhältnisses von Glück und Moral. Ehe wir uns diesen zuwenden können, müssen wir freilich einigermaßen ausführlich auf dafür wichtige Verwendungsweisen des Ausdrucks "Glück" eingehen. Dies ist deshalb notwendig, weil sonst im Dunkeln bleibt, worüber wir überhaupt sprechen, wenn wir von Glück und Moral reden.

Der Ausgangspunkt meiner sprachanalytischen Überlegungen ist immerhin ein poetischer, noch dazu vom genius huius loci, also von Mozart. Im Finale des 2. Aktes der Zauberflöte ist es Tamino und Pamina vor den letzten Prüfungen zum ersten Mal erlaubt, miteinander zu sprechen und einander zu umarmen, worauf sie singen: "O welch ein Glück!" Dabei geht es natürlich um das Glück, das sie in diesem Augenblick empfinden, aber nicht nur darum: Es ist nämlich nicht selbstverständlich, dass es zu dieser Vereinigung der Liebenden kommt, sondern sie bedürfen auch des Glücks im Sinne bestimmter äußerer Umstände, die das Eintreten dieser Situation befördern oder zumindest nicht verhindern. Nicht zuletzt spielen dabei auch die Zauberdinge eine gewisse Rolle, die insbesondere Ingmar Bergman in seiner märchenhaften Inszenierung der Oper betont. Das heißt: Verfügten Tamino und Papageno nicht über Hilfen, wie sie uns Normalsterblichen im Alltag gewöhnlich nicht zu Gebote stehen, so würde ihr Streben nach Liebe wohl ähnlich enden, wie wir dies aus anderen Filmen Bergmans kennen.

Das Glück, von dem Pamina und Tamino singen, umfasst mithin ein subjektives und ein objektives Moment, wobei für den zweiten Aspekt nicht nur zufällige günstige Umstände in Frage kommen, die wir durch unser Handeln nicht oder nur begrenzt beeinflussen können, sondern auch Rahmenbedingungen für unser Handeln, die dieses insofern begrenzen, als sie vorherbestimmt sind. So verkündet denn Sarrastro am Beginn des 2. Aktes der Zauberflöte tatsächlich: "Die Götter haben dem Jüngling [also Tamino] das Mädchen Pamina bestimmt." Wenn dem so ist, stellt sich die Frage, wozu all die Prüfungen notwendig sind. Die Vorstellung der schicksalhaften Bestimmung scheint indes für Mozart und Schikaneder anscheinend nicht die Annahme auszuschließen, dass wir uns dennoch ihrer würdig erweisen müssen und dass wir dabei auch versagen können.

Eine solche Überlegung erscheint uns vielleicht etwas zweifelhaft und in jedem Fall unklar; dies ist jedoch kein Wunder, und zwar allein schon deshalb, weil den etymologischen Wörterbüchern zufolge die Herkunft des Wortes "Glück" selbst überaus unklar ist. Manchen gilt das Wort "Glück" etwa als Bildung, die sich an das altfranzösische "destinée" anlehnt und dessen Bedeutung ins Deutsche überträgt, also "Festsetzung", "Bestimmung" oder "Beschluss"; andere führen es auf ein altfränkisches Wort "gilukki" zurück, das vom Verb "lûkan" abgeleitet sei, das so viel bedeute wie "schließen". Beide Erklärungen verweisen also auf etwas, das für uns vorherbestimmt oder beschlossen ist, doch lässt die zweite eine vermutlich überraschende Verwandtschaft mit dem englischen Verb "to lock" erkennen.
Wenn dem so ist, war die ursprüngliche Bedeutung von "Glück" im Wesentlichen auf den Aspekt des Schicksals begrenzt und mithin sehr viel enger als heute. Der Gedanke, dass der Verlauf unseres Lebens offen sein und etwa auch von zufälligen Ereignissen geprägt sein könnte, scheint den Menschen erst später gekommen zu sein, wohl in Zusammenhang mit dem Erosionsprozess eines festgefügten Weltbildes und dem Aufkommen naturwissenschaftlicher Erklärungen. Auch im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm wird als ursprüngliche Bedeutung des Ausdrucks "Glück" jemandes Schicksal bzw. Geschick oder der Ausgang einer Sache angegeben; bereits im Mittelhochdeutschen entwickelte sich jedoch eine zweite Verwendungsweise, die den günstigen Verlauf eines Geschehens bezeichnet, insbesondere das Gelingen einer mehr oder weniger zielstrebigen Handlung.
Interessanterweise wird diesem Bedeutungsfeld nicht nur die Gesamtheit der glücklichen Umstände zugerechnet, die jemandem zuteil werden können, sondern auch die irdische Glückseligkeit, zu der jemand gelangt, sowie das subjektive Glück, das auf körperlichen oder seelischen Gefühlen beruht. Der Zusammenhang wird damit erklärt, dass ein solches Glücksgefühl nicht zuletzt durch äußere Einflüsse oder Eindrücke ausgelöst wird, darunter auch durch die nähere Berührung mit anderen Menschen, durch die Befriedigung von Wünschen usw. Dies mag zwar zutreffen, doch erscheint es dennoch plausibel, dass wir die objektiv bestehenden Umstände, aufgrund welcher wir Glück haben, von den subjektiven Empfindungen unterscheiden, die wir im Satz zusammenfassen, dass wir glücklich sind. Damit ist nicht gesagt, dass diese Gegebenheiten strikt zu trennen wären – im Gegenteil! –, aber die begriffliche Differenzierung sorgt dennoch für etwas mehr Klarheit.

Übrigens werden uns die verschiedenen Bedeutungen von Ausdrücken in der von uns jeweils gesprochenen Sprache oft eher bewusst, wenn wir uns bewusst machen, welche Ausdrücke uns dafür in anderen Sprachen zur Verfügung stehen. So kennt etwa die englische Sprache für all das (oder zumindest für vieles von dem), was im Deutschen als "Glück" bezeichnet wird, wenigstens drei Ausdrücke, nämlich "happiness", "luck" und "fortune"; diese beziehen sich darauf, dass jemand glücklich ist oder Glück hat bzw. dass ihm das Glück in einem schicksalhaften Sinne hold ist. Für diesen Bereich verwenden die Schweden immerhin zwei Ausdrücke: "lycka" und "tur" (wobei der erste Ausdruck Aspekte von "happiness" und "luck" abdeckt, der zweite hingegen von "luck" und "fortune"); mit den Wörtern "fråmgang" bzw. "medgang" erfassen die Schweden aber (ähnlich wie etwa die Italiener mit dem Verb "riuscire") noch einen anderen Gesichtspunkt, nämlich dass jemandem etwas im Sinne eines Erfolges glückt.

Am weitesten scheint die Differenzierung im Französischen zu gehen, das nicht nur etwa mit "prospérité" einen Zustand, der für jemanden Glück bedeutet, vom inneren Glücksgefühl (bonheur) abhebt, sondern auch ein vom Schicksal (fortune) bestimmtes bzw. abhängiges Glück von einem, das uns zufällig widerfährt (chance, veine); dementsprechend ist es nicht dasselbe, ob etwas jemandem Glück bringt (porter bonheur), ob jemand Glück hat (avoir la chance) bzw. sein Glück versucht (tenter sa chance) oder ob er sein Glück macht, sei es durch eigene Leistung (réussir), sei es aufgrund anderer Gegebenheiten (faire fortune).
Der Sprachgebrauch ist freilich nicht in jeder Hinsicht konsequent: So wird etwa im Englischen einerseits zwischen einer "lucky person" und einer "happy person" unterschieden, doch ist es andererseits auch üblich, Leuten ein "happy new year" oder "many happy returns of the day" zu wünschen. Dabei geht es vermutlich weniger um Glücksgefühle (happiness) der mit solchen Wünschen bedachten Personen als darum, dass ihnen Glück (luck) beschieden sei, also ein Leben unter für sie günstigen Bedingungen. Vor ähnliche Probleme stellt uns der Ausdruck "fortune", dessen Gebrauch in vielen (aber nicht in allen) Fällen auf der Annahme einer dem menschlichen Leben zugrunde liegenden Regelmäßigkeit, Gerichtetheit oder Gesetzmäßigkeit beruht. Dabei kann es sich jedoch sowohl um ein "Naturgesetz" handeln, das wir nicht beeinflussen können, als auch um ein Muster im Leben, das von unserem Handeln abhängt. Dieser Unterschied zeigt sich etwa in Formulierungen wie "fortune telling" gegenüber "making our fortune".

Auch wenn sich Ausdrücke wie "luck", "happiness" oder "fortune" demnach insge¬samt auf etwas zu beziehen scheinen, was für unser Leben bedeutsam ist bzw. was darauf einen gewissen Einfluss ausübt oder von uns beeinflusst werden kann, weisen die erwähnten Schwankungen des Sprachgebrauchs doch auf mangelnde Gewissheit in Bezug darauf hin, was unser Glück im subjektiven oder objektiven Sinne ausmacht und wovon dieses Glück abhängt bzw. wodurch es bestimmt wird (oder ob ihm überhaupt eine Bestimmung zugrunde liegt). Das Glück, das jemand etwa im Sinne des schwedischen Wortes "tur" hat, kann er seinem eigenen "glücklichen" Handeln ebenso verdanken wie einer Fügung des Schicksals oder einem zufälligen Zusammentreffen von Faktoren, durch die etwas trotz seines Handelns (oder unabhängig davon) gut ausgeht – was dann auf die Formel gebracht wird, er habe "Schwein" gehabt. <

Auch wenn wir jemandem Glück wünschen, können wir etwas anderes meinen als die vorhin angedeutete Möglichkeit, nicht zuletzt dann, wenn wir ihn beglückwünschen, also ihm zu etwas gratulieren, das ihm geglückt ist, sei es durch sein Handeln, sei es allgemein im Leben. Der italienische Ausdruck "felicitazione" scheint sich dabei wieder vor allem auf den inneren Aspekt des Glücksgefühls zu beziehen, während der Glückwunsch im Sinne von "augurio" in die Zukunft gerichtet ist, als Ausdruck einer Verheißung von Glück – und damit wieder von etwas, das einem durch das Schicksal bestimmt ist. Wenn wir fortune haben, dann hat Fortuna ihre Hand im Spiel. An dieser Vorstellung liegt es wohl, dass etwa den Sprechern des Deutschen – wie Riccaut de la Marlinière bei Lessing beklagt – für den Gedanken, man könne "corriger la fortune", nur das armselige Wort "betrügen" zu Gebote steht.

Die Vorstellung, dass unser Glück als das Wirken einer höheren Macht zu erklären ist, scheint in anderen Kulturen bzw. zu anderen Zeiten unserer Kultur eine größere Rolle zu spielen als für uns hier und heute, obwohl uns das Streben nach Erklärungen des Glückes keineswegs fremd und der Unterschied zu jenen anderen Vorstellungen vielleicht gar nicht so groß ist. Im Sinne solcher Vorstellungen kritisierte etwa noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Philosoph Bernard Bolzano den Irrtum vieler Menschen (auch "von solchen, die für Gebildete und Aufgeklärte gelten"), "daß es ein blindes Glück in der Welt gebe, welches die Güter der Erde nach seiner eigensinnigen und wandelbaren Laune austeilt." Glück oder Unglück ist in seinen Augen vielmehr "ein jeder Vorfall, der uns unvorgesehen trifft, den aber Gott immer sehr absichtsvoll und mit genauester Beziehung auf unser eigenes Betragen herbeigeführt hat. Beides, das Glück so wie das Unglück, zielet zu unserm Wohle ab, und ist nur darin unterschieden, daß jenes gleich in der Gegenwart, dieses erst in der Folge süß und erfreulich ist."

Von tiefgläubigen Menschen abgesehen, sieht heute anders als Bolzano wohl kaum jemand Glücksfälle als "verdiente Belohnung" für gottgefälliges Handeln an, Schicksalsschläge jedoch als "Strafe Gottes" sowie als "Erziehungsmittel", das letztlich unserer "Vervollkommnung und Beglückung" diene, weshalb wir (bis zu einem gewissen Grad) "selbst Herrn des Glückes sind, das uns zu Teil wird." Auch wer anderer Meinung ist, kommt indes nicht umhin zuzugestehen, dass das von Bolzano angesprochene Thema die Menschen immer schon beschäftigt hat. Zur Orientierung der Menschen in der Welt und zu ihrem Selbstverständnis gehört auch die Vorstellung, dass gewisse Sachverhalte für sie ein Glück darstellen. Diese Überlegung liegt allein schon dadurch nahe, dass wir von manchen "Dingen des Lebens" beglückt sind (während uns andere unglücklich machen). Solche Erfahrungen rechtfertigen freilich noch nicht die Annahme, dass wir "selbst Herrn des Glückes sind", also allein unser Glück machen können und sollen, ebenso wenig wie die (von Bolzano verworfene) Vorstellung, wir seien bei allen unseren Unternehmungen darauf angewiesen, dass uns das Glück hold ist.

Anscheinend haben die Menschen schon früh die Erfahrung gemacht, dass das, was sie als Glück empfinden, nicht bloß von ihnen selbst abhängt, sondern auch von anderen Faktoren. Wenn der Mensch das vernünftige Wesen ist, als das er sich seit jeher versteht, so ist es kein Wunder, dass er aufgrund jener Erfahrung auch versucht zu erklären, wie er zu seinem Glück kommt, und dass diese Erklärungen vor dem Hintergrund des jeweiligen Wissens und Weltbildes als vernünftig gelten. So bemühten sich etwa die Stoiker der Antike aufgrund der Annahme, dass alle Ereignisse im Kosmos kausal miteinander verknüpft sind, um eine "wissenschaftliche" Erkundung des Einflusses der Gestirne auf das Schicksal der Menschen.
Auch heute noch werden zumindest persönliche Horoskope mit dem Anspruch erstellt, dass sie wissenschaftliche Erklärungen des bisherigen und Vorhersagen des künftigen Lebens eines Menschen bieten können, doch werden derlei Überlegungen von Menschen, die sich im engeren Sinne den empirischen Wissenschaften verpflichtet fühlen, als Aberglaube kritisiert, vor allem, seit nach dem "christlichen Zwischenspiel" des Mittelalters die Aufklärung an Bedeutung gewann und das "natürliche Licht" der Vernunft zur alleinigen Autorität über die Richtigkeit des Denkens und Handelns erklärte. Das Ziel der Aufklärung ist laut Max Weber ja eine "Entzauberung der Welt". Damit ist keineswegs "eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen" gemeint, sondern der Glaube, dass wir alles wissen können, sofern wir dies wollen, dass es also grundsätzlich "keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte" gibt, sondern dass die Menschen "alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen" beherrschen können.

Was auch immer von den Zielen und Auswirkungen der Aufklärung sowie von der ihr angeblich zugrunde liegenden Dialektik zu halten ist, lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass unser vor diesem Hintergrund als wissenschaftlich geltendes Weltbild die Annahme einschließt, dass für uns "im Prinzip" alles – und mithin auch unser Glück – machbar ist und dass dann, wenn wir selbst dazu nicht in der Lage, also unglücklich sind, mit den Mitteln von Wissenschaft und Technik etwas dagegen bzw. dafür gemacht werden kann. Und uns wird sogar wissenschaftlich erklärt, dass unsere Handlungen nicht auf bewussten Entscheidungen beruhen, sondern durch Hirnprozesse verursacht sind. Demzufolge wäre Glück in Hirnstrukturen verankert – und Unglück ein "Fehler" in neuronalen Prozessen, der durch die Gabe von Pharmaka überwunden werden kann. Diese Art von Erklärung reduziert nicht nur Glück auf den subjektiven Aspekt des Glücks-Gefühls, sondern bringt auch ebenso wie Bolzanos religiöse Deutung eine "höhere Macht" ins Spiel, die es sozusagen gut mit uns meint.

Wenn wir unter einer solchen "höheren Macht" etwas verstehen, das unser Schicksal strikt vorherbestimmt bzw. determiniert, ergeben sich Probleme für die moralische Beurteilung unseres Handelns, weil als notwendige Voraussetzung dafür gilt, dass uns Handlungsalternativen offen stehen, durch die wir eine Situation beeinflussen und ein Ziel erreichen können. Da es uns um den Zusammenhang zwischen Glück und Moral geht, setze ich im Folgenden eine positive Antwort auf die Frage nach der Willensfreiheit voraus (für die tatsächlich eine Reihe von Gründen spricht); ich beschränke mich also auf jene Aspekte des Glücks im objektiven Sinne, welche die Möglichkeit des Handelns zulassen, auch wenn sie etwas bedeuten, worauf wir nicht unbedingt durch das Handeln selbst Einfluss nehmen können. Ehe ich darauf eingehe, muss ich jedoch das Glück im subjektiven und im objektiven Sinne sowie den Zusammenhang zwischen diesen Erscheinungsformen von Glück noch etwas genauer betrachten.

Reden wir von Glück, so können wir uns prinzipiell auf objektive oder subjektive Gegebenheiten beziehen, auf Sachverhalte, die für uns gut sind und unabhängig von unserem Bewusstsein bestehen, oder aber auf ein gutes Gefühl, das wir empfinden. Wenn der Ausdruck "Glück" derart mehrdeutig verwendet wird (bzw. in anderen Sprachen entsprechend mehrere Ausdrücke in Gebrauch sind), so ist das andererseits kein Zufall, sondern ein Ergebnis des Umstandes, dass die subjektive Empfindung von Glück etwas mit den objektiven Gegebenheiten des menschlichen Lebens zu tun hat.
Auf den ersten Blick könnten wir vermuten, dass wir von Glück im subjektiven Sinne sprechen, wenn wir auch objektiv Glück haben. Indes sind die Verhältnisse nicht ganz so einfach. Die Psychologie unterscheidet vier Möglichkeiten, wie das subjektive Empfinden eines Menschen mit seiner objektiven Situation zusammenhängt, nämlich Wohlergehen, Dissonanz, Adaption und Deprivation: Der Ausdruck "Wohlergehen" bezeichnet Situationen, in denen die objektiven Bedingungen ebenso gut sind wie deren subjektive Empfindung. Im Falle der Dissonanz sind zwar die objektiven Bedingungen gut, nicht aber die subjektiven Empfindungen davon, während bei der Adaption das subjektive Empfinden trotz schlechter objektiver Bedingungen gut ist. Mit "Deprivation" ist schließlich gemeint, dass die objektiven Bedingungen eines Menschen genauso schlecht sind wie seine subjektiven Empfindungen.
Selbst wenn wir jenen Passus in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 für sinnvoll halten, wonach das Streben nach Glück (the pursuit of happiness) ein Menschenrecht sei, folgt daraus nicht, dass jeder Mensch in allen Lebenslagen nach diesem Glücksgefühl strebt oder dass er nur dann vernünftig ist, wenn es ihm gelingt, Glück zu empfinden. Ganz im Gegenteil mag die Vernunft "gebieten", unglücklich zu sein, nämlich dann, wenn unsere objektive Situation so schlecht ist, dass es eigenartig oder sogar dumm wäre, dennoch einfach glücklich zu sein. Das Glücksempfinden hat demnach etwas mit einem angemessenen Verhältnis zwischen jemandes subjektiver Einstellung und seiner objektiven Situation zu tun. Ein solches Verhältnis bedeutet indes nicht unbedingt, dass die subjektive mit der objektiven Situation übereinstimmt: Eine Person kann nämlich unglücklich sein, auch wenn ihre objektive Situation gut ist, während andererseits jemand auch trotz einer objektiv schlechten Situation glücklich sein mag. Das Glücksempfinden ist also nicht schlichtweg eine Beziehung zwischen einem Individuum und einer objektiven Situation, sondern es schließt eine Bewertung dieser Situation ein, die das Individuum aus bestimmten Gründen vornimmt.

So gesehen liegt es in doppelt subjektivem Sinne an uns, ob wir glücklich sind oder nicht, nämlich einerseits mit Bezug darauf, ob wir prinzipiell fähig sind, glücklich zu sein, andererseits aber insofern, ob uns die Möglichkeit offen steht, einen objektiv gegebenen, für uns günstigen Sachverhalt als Glück zu empfinden. Ob uns dies möglich ist, hängt u.a. auch vom Verhältnis zwischen dem von uns erwarteten Maß an Glück und dem tatsächlich bestehenden ab. Wie das Märchen "Hans im Glück" zeigt, kann die sukzessive Verringerung der Erwartungen zur Adaption im vorhin erwähnten Sinne führen; umgekehrt (und in unserer Lebensform wahrscheinlich häufiger) führen hohe, allzu hohe Glückserwartungen zu einer Dissonanz zwischen der objektiv bestehenden Situation und ihrer subjektiven Bewertung. Mit Bezug darauf erscheint eine von Odo Marquard empfohlene Strategie bei der Suche nach dem Sinn des Lebens auf unseren Fall übertragbar: So wie laut Marquard eine "Diätetik der Sinnerwartung" notwendig ist, um mit der Frage nach dem Sinn des Lebens sinnvoll umzugehen, bedarf es auch einer Diätetik der Glückserwartung, da ein allzu hohes Maß einen Mangel an Glücksempfindung zur Folge hat.

Insofern, als es jeweils am Individuum liegt, wie es sich selbst zu seinem Leben und zu den objektiven Gegebenheiten stellt, ist das menschliche Glück nicht nur als Empfindung eine subjektive Angelegenheit, sondern auch mit Bezug darauf, ob ein objektiv bestehender Sachverhalt als gut bewertet wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass jegliches Glück in einem radikalen Sinn etwas Subjektives ist, dass es also bloß jemandes beliebiger Entscheidung überlassen bleibt, ob er glücklich ist oder Glück hat. Zwar liegt es am jeweiligen Subjekt, ob es etwas als wertvoll und als Grund, glücklich zu sein, auffasst, doch ist Glück deshalb noch lange nicht etwas völlig Subjektives. Vielmehr hängt es von sozialen und kulturellen Erfahrungen wie auch von der Erfahrung objektiver Tatsachen ab. Dies gilt nicht nur für das Glück, sondern ebenso für Hoffnung, Sinn, Vertrauen, Sittlichkeit oder die Erfahrung von Schönheit. All diese Einstellungen beruhen bis zu einem gewissen Grad auf objektiven Tatsachen, aber es liegt dennoch an uns, ob wir einer anderen Person aufgrund unserer Erfahrung mit ihr trauen, ob wir Hoffnung empfinden oder nicht, ob wir unser Leben als sinnvoll erleben oder nicht, ob wir uns an der Schönheit einer Person, der Natur oder eines Kunstwerks erfreuen usw.

In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass Menschen – wie schon Aristoteles betonte – in Gemeinschaften lebende Wesen sind. Dies bedeutet nicht nur, dass wir weitgehend vom Leben in einer Gemeinschaft abhängen, um fähig zu sein, ein Leben als menschliche Personen zu führen (und nicht zuletzt auch glücklich zu sein sowie zu erkennen, dass wir Glück haben), sondern auch, dass unsere subjektiven Einstellungen wesentlich durch unsere soziokulturellen Rahmenbedingungen geprägt sind, so dass unsere individuellen Empfindungen auf kulturellen Mustern beruhen (und diese zu jenen Grundlagen beitragen, die uns erlauben, einander zu verstehen und uns miteinander zu verständigen). Durch die gesellschaftliche Einbettung unseres Lebens tragen wir außerdem mit unseren Handlungen gegenseitig zu unserem subjektiven Befinden im Allgemeinen und zu unserem Glück im Besonderen bei.

Unser gesellschaftlicher und kultureller Hintergrund beeinflusst freilich nicht nur unsere subjektive Bewertung objektiver Gegebenheiten im Allgemeinen, sondern auch unsere Annahmen darüber, ob bzw. in welchem Maße unser subjektives Glücksempfinden von Glück im objektiven Sinne abhängt. Es erscheint plausibel anzunehmen, dass eine Person, die nie irgendeine Form von Glück im objektiven Sinne erfahren hat, unfähig ist, Glück zu empfinden (bzw. dass es ihr unmöglich ist, das zu tun). Sozusagen glücklicherweise erfährt eine große Zahl von Menschen unbeschadet der Tatsache schlimmer Erfahrungen zumindest auch eine bestimmte Anzahl von Glücksfällen, so dass ihnen eine gewisse Grundlage geboten ist, die ihnen erlaubt, Glück zu empfinden, auch wenn eine bestimmte Situation, in der sie sich gerade befinden, für sie ein Unglück bedeutet.

Trotz der Tatsache, dass im Deutschen der eine Ausdruck "Glück" für unterschiedliche Phänomene verwendet wird, ist den Sprechern aufgrund ihrer Erfahrungen der Unterschied und der Zusammenhang zwischen diesen wohl einigermaßen bewusst. Umgekehrt ist anzunehmen, dass etwa die Sprecher des Englischen oder Französischen ähnlich (wenn auch nicht gleich) wie die der deutschen Sprache das Erleben von Glück (im subjektiven Sinne von "happiness") von dessen Erfahrung unterscheiden können, auch wenn sie für beide Vorgänge den einen Ausdruck "experience" verwenden.

Als menschliche Personen verfügen wir über unterschiedliche Anlagen: So erleben wir als empfindungsfähige Wesen unseren Körper und seine Zustände von innen, als reflexionsfähige Wesen erfahren wir uns selbst jedoch quasi von außen (was wir vermutlich ebenfalls der soziokulturellen Einbettung unserer Lebensweise verdanken, durch die in unseren Geist Information gelangt, die noch nicht durch unsere genetische Ausstattung darin enthalten ist). Als empfindungsfähige Wesen erleben wir nun aber Glück auf emotionale Weise, während wir als reflexive Wesen auch intellektuelle Erfahrungen von Glück machen. Sowohl das innere Erleben als auch die äußere Erfahrung gehört also zur menschlichen Personalität, weshalb es absurd wäre zu sagen, dass eines davon eher das Glück im subjektiven Sinne ausmacht als das andere. Und beide Arten von Glücksempfindung weisen wiederum mehrere Aspekte auf, die wir uns bewusst machen können, auch wenn wir keine eigenen Ausdrücke dafür kennen.

Was das emotionale Erleben von Glück betrifft, so müssen wir nicht nur an manche Gefühle denken, deren Gegenwart uns beglückt, sondern auch an Bedürfnisse, Wünsche oder Sehnsüchte, deren Erfüllung uns glücklich macht. Und da solche Bedürfnisse, Wünsche oder Sehnsüchte auf vielerlei Gegenstände gerichtet sind, liegt nahe, dass wir in verschiedenen Hinsichten glücklich sein können, z.B. in Bezug auf etwas, das wir (wie Lust oder Reichtum) bekommen können, oder auf etwas, das wir (wie beruflichen Erfolg) erreichen bzw. (wie Kunstwerke oder Theorien) schaffen können. Ebenso ist möglich, dass wir z.B. über bestimmte Seiten der eigenen oder einer anderen Persönlichkeit (wie Intelligenz, Freundlichkeit oder was auch immer) glücklich sind, oder aber über Erfahrungen (wie Freundschaft oder Liebe), die wir durch andere solche Persönlichkeiten machen. Wenn Nietzsche sagt, er sei nicht an Glück interessiert, sondern an seinem Werk, so leugnet er damit nicht die Bedeutung des Glücksgefühls, sondern richtet dieses lediglich auf einen anderen Gegenstand.
Die reflexive Erfahrung von Glück schließt ein, dass wir eine gewisse Distanz zu unseren Bedürfnissen, Wünschen, Sehnsüchten, Gefühlen usw. gewinnen und dass wir diese in den größeren Zusammenhang des gesamten Lebens einordnen. Aus mancher Perspektive mag dies als Nachteil oder Problem erscheinen, da die Reflexion dem Glücksgefühl scheinbar die Spontaneität nimmt. Sofern Reflexion als menschliche Fähigkeit gilt, ist jedoch wohl kaum von einem Problem zu sprechen, umso weniger, als die Rolle des emotionalen Erlebens von Glück durch dessen reflexive Erfahrung ja nicht geleugnet oder geschmälert wird und als jegliche Form von Reflexion eine gewisse Distanz zu uns selbst einschlie
ßt.
Wenn wir unser Leben und die Frage, was es überhaupt heißt zu leben, konsequent durchdenken, müssten wir – zumindest nach Ansicht von Nietzsche – verzweifeln, denn das Leben schließt eine Menge von unangenehmen oder sogar schrecklichen Dingen ein, die hinzunehmen schwierig sein mag, und das Leben erscheint letztlich absurd, da der Tod allem menschlichen Streben ein Ende bereitet. Nietzsche sieht indes eine Möglichkeit, diese Gegebenheit zu überwinden, und zwar dadurch, dass wir Kunst schaffen oder mit Kunst umgehen. Laut Nietzsche ahmt die Kunst nicht die natürliche Wirklichkeit nach, sondern schafft sie etwas, das er als "metaphysisches Supplement der Naturwirklichkeit" bezeichnet. Die Beschäftigung mit diesem "Supplement" versetzt uns in die Lage, unser individuelles Leben und die damit verknüpften Probleme in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und so die "Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen", mit denen sich nicht nur "leben lässt", sondern die wir auch als Glück erfahren können.

Glück auf reflexive Weise zu erfahren, bedeutet nicht, aufgrund schrecklicher Erfahrungen glücklich zu sein, sondern vielmehr angesichts ihrer – und dadurch, dass sie in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Zu solchem Glück kann uns freilich nicht nur der Umgang mit Kunst verhelfen, sondern etwa auch ein spielerisches Handeln "auf gut Glück", indem dieses eine Möglichkeit bietet, mit eben den Gefahren und Schrecken umzugehen, denen man sich herausfordernd stellt. Ähnlich wie bei dem von Nietzsche ins Auge gefassten Umgang mit Kunst setzt jemand dabei sein Leben aufs Spiel, distanziert er sich spielerisch von all dem, was seine physische oder psychische Existenz "in Wirklichkeit" bedrohen könnte, und hat dadurch zugleich die Möglichkeit, sich die Gefahren aus mentaler Distanz bewusst zu machen. Eine solche spielerische Distanzierung hilft uns mithin, eine Widerstandskraft zu entwickeln, die uns laut Kant "Mut macht, uns mit der scheinbaren Allgewalt der Natur messen zu können", und die insofern etwas Beglückendes an sich hat.

Glück reflexiv zu erfahren, bedeutet nicht, danach zu streben, sondern vielmehr, das Leben als solches anzunehmen, einschließlich jener Aspekte, die wir mit unserem Tun nicht beeinflussen können. In einem in den letzten Jahren seines Lebens geschriebenen Gedicht wählt Rilke dafür das Bild: "Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn –; erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles, den eine ewige Mit-Spielerin dir zuwarf […]: erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, – nicht deines, einer Welt." Rilke sieht demnach eine Verbindung zwischen subjektivem Glücksgefühl und Glück im objektiven Sinne wie wohl auch im Sinne von Schicksal.

In Fällen, in denen wir nicht nach Glück im subjektiven Sinne streben, aber doch durch gewisse reflexive Erfahrungen mit Glück erfüllt sind, wird dieses Glück selbst zur objektiven Angelegenheit: In solchen Fällen will ein bestimmtes Subjekt nämlich nicht so sehr glücklich sein; vielmehr widerfährt ihm, dass es glücklich ist. Insofern, als es nicht selbstverständlich ist, dass wir diese Art von Glück erfahren, können wir aber auch sagen, dass dieses Glücksgefühl auf Glück im objektiven Sinn beruht – oder sogar eine Form davon ist.
Zum Verhältnis zwischen den verschiedenen Aspekten von Glück im subjektiven und objektiven Sinne ließe sich noch sehr viel mehr sagen, doch müssen wir allmählich zur Moral und zu deren Zusammenhang mit Glück übergehen. Dafür ist wiederum zumindest kurz zu klären, was unter Moral verstanden werden kann. In der Philosophie unterscheiden wir dabei gewöhnlich zwischen deskriptiven und normativen Verwendungsweisen des Ausdrucks "Moral". Im deskriptiven Sinne kann völlig Unterschiedliches unter Moral verstanden werden: So mag etwa jemand sagen, eine Handlung sei für ihn moralisch richtig, wenn sie seinen Profit maximiert, während eine andere Person die moralische Qualität einer Handlung darin erblicken mag, dass diese bestimmte schöne Gegebenheiten schafft, dass sie dem Willen Gottes dient oder was auch immer. Sofern ich gemäß einer vorausgesetzten Norm bzw. Regel handle, ist meine Handlung so gesehen "moralisch richtig"; wenn ich z.B. ausschließlich meinen Vorteil maximiere, so handle ich in diesem Sinne ebenso "moralisch richtig", wie wenn ich an nichts anderes denke als an das Wohlergehen anderer, wenn es mir um die strikte Befolgung von irgend jemandes Willen geht usw. Der einzige Unterschied besteht darin, dass mein Handeln jeweils durch eine andere "Moral" bestimmt ist.

Wenn in diesem Sinne von "Moral" die Rede ist, geht es (etymologisch gesehen korrekt) um die von einer Gemeinschaft de facto gepflegten Sitten. Auch die philosophische Ethik geht von einer Beschreibung dieser Sitten aus, kann jedoch nicht dabei stehen bleiben, da in diesem Sinne prinzipiell jede Verhaltensregel als „Moral“ gelten kann. Um bestimmte Verhaltensformen als Moral im Sinne der Sittlichkeit von anderen Verhaltensformen abgrenzen zu können, müssen wir gewisse Minimalbedingungen voraussetzen, etwa die von Richard M. Hare eingeführten Bedingungen der Präskriptivität und der Universalisierbarkeit von Normen, durch die im Wesentlichen Folgendes verlangt wird:

1. Eine Norm n ist präskriptiv genau dann, wenn eine Person x dadurch, dass x die Norm n anerkennt, auf bestimmte Handlungen festgelegt wird, die n vorschreibt.
2. Eine Norm n ist universalisierbar genau dann, wenn gilt: Wenn zufolge der Norm n ein Gegenstand x (eine Handlung, ein Mensch usw.) einen bestimmten moralischen Status hat, so haben n zufolge alle Gegenstände, die x in relevanter Hinsicht gleich sind, denselben moralischen Status.

Würde die Ethik diese Bedingungen nicht vorauszusetzen, so hätte dies gravierende Konsequenzen: Würden wir etwa auf die Bedingung der Präskriptivität verzichten, so ließen wir die Möglichkeit zu, dass jemand beliebig handelt, dabei aber zugleich beanspruchen darf, eine bestimmte moralische Norm zu befolgen. Und ohne die Bedingung der Universalisierbarkeit bestände die Möglichkeit, dass identische Fälle moralisch gegensätzlich beurteilt werden, dass ich also z.B. für mich selbst in bestimmter Hinsicht ein Recht in Anspruch nehme, das ich zugleich jemand anderem abspreche, obwohl alle relevanten Umstände für uns beide gleich sind. Wenn Moral im Sinne der Sittlichkeit jene beiden Bedingungen voraussetzt, so folgt daraus, dass wir nur solche moralischen Normen rational vertreten können, denen zufolge Gleiches gleich behandelt wird. Diese beiden Bedingungen sind in Hares Augen wesentlich für die "Logik" der Moral. Wer sie ablehnt, hat demzufolge nicht verstanden, was Moral ist, d.h., Moral in einem bestimmten, normativen Sinne.
Was hat Moral in diesem normativen Sinne mit Glück zu tun? Betrachten wir zunächst den objektiven Aspekt dieser Frage: Damit es überhaupt gerechtfertigt ist, moralische Ansprüche an jemanden zu richten, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, darunter die Bedingung, dass die fragliche Person über Handlungsmacht verfügt, d.h., es muss für eine Person x möglich sein, einen Sachverhalt p (von dem sich die Frage stellt, ob x dafür verantwortlich ist) mit einer Handlung h kausal zu beeinflussen, also zwischen mindestens zwei Handlungsalternativen (d.h. letztlich dem Vollziehen oder Unterlassen einer Handlung h) zu wählen, wobei für mindestens eine dieser Alternativen gilt, dass x durch die Wahl dieser Alternative eine gegebene Situation beeinflussen kann. Im subjektiven Sinne ist diese Bedingung z.B. dann nicht erfüllt, wenn jemand aufgrund eines inneren Zwanges (wie etwa einer Neurose) nicht anders kann, als eine bestimmte Handlung zu vollziehen. Im objektiven Sinne ist jemand nicht verantwortlich für eine Handlung, wenn ihm in einer gegebenen Situation wegen eines äußeren Zwanges (wie z.B. der Bedrohung seines Lebens oder des Lebens eines nahe stehenden Wesens) nichts anderes übrig bleibt, als eine bestimmte Handlung zu vollziehen, oder wenn sich etwa schlichtweg keine Alternative eröffnet, durch die er eine Situation beeinflussen könnte. Wenn z.B. bei einem Flugzeug alle Steuerinstrumente ausfallen, so dass der Pilot keine Möglichkeit mehr hat, den Flug zu beeinflussen, so ist er für einen Absturz und dessen Konsequenzen auch nicht verantwortlich zu machen.
Es mag eigenartig erscheinen, davon zu sprechen, dass jemand Glück hat, wenn er auf Grund äußerer Umstände in die Lage kommt, so zu handeln, dass sein Handeln zum Gegenstand moralischer Urteile wird; wir können uns aber dennoch gut vorstellen, dass jemand u.U. glücklich wäre, wenn ihm die Möglichkeit zu Gebote stände, eine Situation durch sein Handeln zu beeinflussen, statt dass ihm nichts anderes bleibt als hilflose bzw. wirkungslose Körperbewegungen. Und in diesem Sinne sind wir auf den glücklichen Umstand angewiesen, dass wir in einer bestimmten Situation überhaupt handeln bzw. wirksam eingreifen können. Dabei geht es gar nicht unbedingt um moralische Absichten, die wir beim Handeln verfolgen, sowie um moralische Urteile über unser Handeln, sondern um die Möglichkeit des Handelns im Allgemeinen; freilich gilt die Überlegung auch für Handlungen, die als moralische intendiert sind und beurteilt werden.

Weitere Gesichtspunkte kommen ins Spiel, wenn wir das Moralische am Handeln selbst genauer betrachten. Was es heißt, moralisch zu handeln, formuliert etwa Bernard Bolzano 1834 in seinem Lehrbuch der Religionswissenschaft in Form eines "obersten Sittengesetzes", das besagt: "Wähle von allen dir möglichen Handlungen immer diejenige, die, alle Folgen erwogen, das Wohl des Ganzen, gleichviel in welchen Teilen, am meisten befördert." Wenn wir wissen wollen, ob eine bestimmte Handlung moralisch richtig ist, so müssen wir laut Bolzano also überlegen, welche Handlungsalternativen mit Bezug auf die fragliche Situation (bzw. ob überhaupt Alternativen) zur Verfügung stehen. Von diesen ist laut Bolzano (wie auch nach Jeremy Bentham) jene zu wählen, die mit Bezug auf alle ihre Konsequenzen sowie alle davon jeweils Betroffenen insgesamt das beste Ergebnis zeitigt. In diesem Sinne kann der Fall eintreten, dass jemand durch eine Handlung unangenehm benachteiligt wird; diese Handlung ist deshalb jedoch noch nicht falsch, denn es ist sehr wohl möglich, dass ihre Konsequenzen insgesamt für alle davon Betroffenen immer noch besser sind als die der anderen verfügbaren Alternativen. Wenn wir Grund haben, das anzunehmen, so ist es Bolzanos Sittengesetz zufolge moralisch richtig, so zu handeln, denn jede andere Alternative hätte insgesamt schlechtere Konsequenzen – weshalb es moralisch falsch wäre, eine davon zu wählen.

In diesem Zusammenhang geht es um vorhersehbare Konsequenzen, d.h. um Handlungsfolgen, von denen mit guten Gründen anzunehmen ist, dass wir sie bei unserer Entscheidung bedenken können. Wenn Grund zur Annahme besteht, dass wir etwas nicht wissen können, dann ist es ebenfalls nicht gerechtfertigt, moralische Ansprüche an uns zu stellen. Da Menschen endliche Wesen sind, ist nun aber nicht klar, was wir tatsächlich vorhersehen können, und dadurch kommt ein weiterer Aspekt von Glück ins Spiel, gerade dann, wenn uns daran liegt, moralisch zu handeln.
Denken wir uns etwa den Fall eines Augenarztes, zu dem ein Kind gebracht wird, das wegen einer Krankheit bereits zweimal operiert wurde und dabei auf einem Auge erblindet ist. Der Arzt steht nun vor der Frage, ob er das zweite Auge operieren soll, wobei das Risiko, dass das Kind durch die Operation auch das zweite Auge verliert, sehr hoch ist (ohne Operation allerdings ebenfalls). Der Arzt überlegt sich die Angelegenheit quälend lange, insbesondere mit Bezug auf die zu erwartenden Konsequenzen der Alternativen – und die Operation gelingt. Dafür, dass die Operation gelingt, ist auch Glück notwendig, d.h. Umstände, die außerhalb der tatsächlichen Handlungsmacht des Arztes liegen und die selbst bei geringen Abweichungen ebenso gut zu tragischen Konsequenzen hätten führen können.
Ein solcher Fall ist wohl auch ein Beispiel für eine Situation, in die niemand gerne geraten möchte – und wenn uns vergönnt ist, keine solchen Entscheidungen treffen zu müssen, so ist auch das ein Aspekt von Glück im objektiven Sinne. Die moralphilosophische Literatur ist voll von Beispielen, mit denen Extremsituationen ausgereizt werden, um zu erkunden, was es heißt, moralisch zu handeln, und wo die Grenzen moralischen Handelns liegen. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in der Haut des deutschen Ornithologen Hermann, der aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe abgelehnt hat und sich zu Forschungszwecken im südamerikanischen Urwald aufhält. Hermann finde sich unversehens mit der folgenden Situation konfrontiert: Auf einem Dorfplatz werden hundert gefesselte Indios von Soldaten zusammengetrieben und vor einem Bretterzaun aufgestellt. Die Indios sollen erschossen werden, um den anderen Dorfbewohnern nachdrücklich die Vorteile unbedingter Regierungstreue vor Augen zu führen. Adolfo, der Kommandant, begrüßt den Neuankömmling mit großem Respekt (“Mein Vater hat mir den Namen eines Deutschen gegeben, den er sehr bewunderte, und nun lerne ich endlich einen Angehörigen dieser großen Nation kennen!”) und bietet ihm ein Gastgeschenk an: Hermann dürfe den Dorfvorsteher eigenhändig erschießen, dann werde er die anderen 99 Indios zur Feier des Tages (“Besuch eines Deutschen”) laufenlassen. Weigere sich Hermann, so werde er alle hundert erschießen lassen. Hermann weiß, dass der berüchtigte Offizier solche Aktionen schon sehr oft durchgeführt hat. Er hat nicht die geringste Chance, Adolfo durch gutes Zureden von seinem Vorhaben abzubringen oder ihn und seine Soldaten in einem heroischen Coup zu entwaffnen. Was soll Hermann tun? 99 Indios, ihre Frauen und Kinder flehen ihn an, auf das Angebot einzugehen.

Was würden Sie in dieser Situation tun? Vielleicht sagen Sie, und das nicht ganz zu Unrecht, dass Sie wohl kaum jemals in eine solche Situation geraten werden. So unwahrscheinlich dieser Fall ist, so können wir jedoch nicht mit Sicherheit ausschließen, dass er eintritt bzw. dass wir in eine andere, aber vergleichbare Situation gelangen. Wenn es dazu kommt, ist dies für uns tragisch; wenn wir davon verschont bleiben, so ist uns ein Glück im objektiven Sinne gegönnt, das uns wegen der Unwahrscheinlichkeit solcher Fälle nicht unbedingt bewusst ist, dessen wir uns aber dennoch bewusst sein sollten.
Der Philosoph Bernard Williams, von dem ich das gerade erwähnte Beispiel in seinen Grundzügen übernehme, schreibt über solche Fälle u.a. in einem Buch mit dem Titel Moral Luck, das im Deutschen unter dem Titel "Moralischer Zufall" erschienen ist. Mit solchen Beispielen weist uns Williams darauf hin, dass Glück im objektiven Sinne eine Grenze des moralischen Denkens darstellt, insbesondere der Frage nach dem moralischen Status des Handelns. Wenn zum moralischen Handeln gehört, dass jemand in einer gegebenen Situation unter den zur Verfügung stehenden Alternativen eine wählt, deren Konsequenzen für alle Betroffenen (einschließlich seiner selbst) insgesamt zumindest nicht schlechter sind als die einer anderen verfügbaren Alternative, so hat das Moralische am Handeln dieser Person nicht mit Glück im subjektiven oder objektiven Sinne noch mit Schicksal oder Zufall zu tun, sondern mit Vernunft, Wissen und Gewissen. Wenn in Zusammenhang mit Moral von Glück die Rede sein kann, dann vielmehr im Sinne von etwas, das jenseits moralischer Erwägungen liegt, worüber man also in der Moral nicht sprechen kann, und zwar unabhängig davon, ob es auf eigenem Handeln, Zufall oder Schicksal beruht.

Wie schon Aristoteles betont, ist jemand für eine Handlung nur dann moralisch zu tadeln (bzw. verantwortlich zu machen), wenn diese Handlung freiwillig ist (d.h., wenn die fragliche Person über Handlungsalternativen verfügt und deren Konsequenzen vorhersehen kann). Für unfreiwillig vollzogene Handlungen gebührt uns Vergebung und manchmal sogar Mitleid. Von einer unfreiwilligen Handlung spricht Aristoteles etwa dann, wenn "der Handelnde oder Leidende keinen Einfluss darauf nehmen kann, etwa wenn der Sturm einen irgendwohin führt, oder die Menschen, die über einen herrschen." Wenn Grund zur Annahme besteht, dass jemand ein Ereignis nicht durch eine Handlung beeinflussen (und dieses mithin auch nicht abwenden) kann, dann ist es nicht gerechtfertigt, sein Handeln moralisch zu beurteilen, denn er übt genau genommen keinen Einfluss auf das Ereignis aus, sondern ist vielmehr in dieses verwickelt (und dies kann sogar auf eine Weise geschehen, dass die fragliche Person eher zu bemitleiden als zu beschuldigen ist).

Ereignisse, die schlecht ausgehen und in die wir verwickelt sind, ohne dass wir darauf einwirken können, gehören zum Bereich des Tragischen. Umgekehrt sind günstige Entwicklungen, die nicht durch Handlungen bewirkt werden, welche durch moralische Erwägungen zustande kommen, Formen von Glück im objektiven Sinne (die uns auch Glück im subjektiven Sinne vermitteln können). Solche Gegebenheiten sind für die Moral sehr wohl bedeutsam, und zwar eben als etwas, das sich der moralischen Beurteilung entzieht und als solches bewusst zu machen ist. Selbst wenn wir in der Ethik noch so "strebend uns bemühen", dürfen wir nicht erwarten, dass wir jemals in der Lage sein werden, alle Lebensprobleme endgültig in den Griff zu bekommen. Und selbst eine normative Ethik, deren Prinzipien theoretisch begründet sind, so gut es irgend möglich ist, bietet uns keine Garantie, dass nicht manche "Dinge des Lebens" jenseits dessen sind, was sie beurteilen kann. Es mag sein, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen handeln, aber dennoch etwas Tragisches in Kauf nehmen müssen; andererseits kann uns unter noch so ungünstigen Voraussetzungen auch das Glück hold sein. Solche "Dinge des Lebens" fordern uns zwar heraus, dass wir uns philosophisch damit beschäftigen, doch handelt es sich nicht um Fragen des moralisch richtigen Handelns oder der moralischen Verantwortung, sondern um etwas, was mit deren Kategorien nicht zu erfassen ist.

Dies gilt – um zum Schluss zu kommen – nicht für das Glück im subjektiven Sinne. Zumindest betonen Philosophen von Platon bis heute, dass Menschen dadurch glücklich sind (oder zumindest sein können), dass sie moralisch handeln. Auf den ersten Blick ist dies keineswegs selbstverständlich, wie etwa bereits Kant erkannte, in dessen Augen die Tatsache, dass sich der Mensch als Vernunftwesen von der übrigen Natur abhebe, eine bedeutsame und nicht unbedingt angenehme Konsequenz hat: Insofern, als der Mensch Teil der Natur ist und mit anderen natürlichen Wesen Merkmale (wie z.B. Triebe) gemeinsam hat, ist "alles gut" (oder wie wir vielleicht besser sagen sollten: moralisch neutral). Insofern, als der Mensch Vernunft entwickelt und sich durch die damit verbundene Kultur und Handlungsfreiheit von der übrigen Natur "abgehoben" hat, kam aber das "Böse" in die Welt (bzw. – wie wir wiederum differenzierend sagen können – die bewusste Wahl zwischen Gut und Böse, zwischen moralisch richtigem und falschem Handeln). Moralische Fragen stellen sich mithin erst für Wesen, die kognitiv so weit entwickelt sind, dass sie sich dessen bewusst werden können, was richtig und was falsch ist (was in Kants Augen nichts anderes bedeutet, als dass sie den kategorischen Imperativ prinzipiell verstehen können). Dies ist anscheinend ein "Nachteil", den eine evolutionäre Errungenschaft mit sich bringt.
Natürlich können wir über die Tatsache betrübt sein, dass uns als vernunftbegabten Wesen nicht frei steht, beliebig zu handeln und dabei zugleich moralisch zu handeln, sondern dass wir wählen müssen, ob wir moralisch handeln wollen oder nicht, und dass wir (zumindest sofern wir konsequent sein wollen) die jeweiligen Folgen in Kauf nehmen müssen. Ebenso wie Kunstschaffende laut Pierre Boulez durch den Zufall herausgefordert sind, diesem Rechenschaft abzuverlangen und ihn kreativ einzusetzen, sind wir als moralisch denkende und handelnde Wesen herausgefordert, dem Glück Rechenschaft abzuverlangen. Aus moralischer Sicht geht es dabei freilich nicht nur um das je eigene Glück, sondern um Glück mit Rücksicht auf das Glück aller, die von unserem Handeln betroffen sind. Dies ergibt sich aus Bolzanos oberstem Sittengesetz ebenso wie aus anderen Moralprinzipien, die in der Ethik diskutiert werden.

Moralisches Glück im subjektiven Sinne ist demnach nicht so sehr das unmittelbare Erleben von Glück als eine auf Reflexion beruhende Glückserfahrung. Dies ist wohl auch der Grund, warum Aristoteles meint, dass nur Personen Glück im Sinne der "eudaimonia" erfahren können; er spricht damit anderen Wesen (z.B. Kleinkindern oder geistig Behinderten) nicht die Fähigkeit zum intensiven Erleben von Glück ab. Moralisches Handeln in diesem Sinne als beglückend zu erfahren, setzt natürlich voraus, dass wir uns prinzipiell entscheiden, moralisch handeln zu wollen. Es steht jedem frei, auch nicht moralisch zu handeln und zu leben und eventuell auf diese andere Weise glücklich zu werden. So jemand wird vermutlich nur schwer verstehen, dass jemand durch moralisches Handeln glücklich wird. Und doch ist dies in mehrerlei Sinne möglich, insbesondere durch das Glück der anderen, das beim moralischen Handeln immer auch ins Spiel kommt, aber etwa auch durch das Glück, zu erfahren, dass moralisches Handeln gelingt – was weder selbstverständlich noch stets der Fall ist.
Um moralisch handeln und ein gutes Leben führen zu können, bedürfen wir nämlich der Tugend, d.h. der Tüchtigkeit im Abwägen von Interessen, Konsequenzen und anderen Gegebenheiten, die einander auch extrem entgegengesetzt sein können. Es ist also alles andere als leicht, eine Balance zwischen oft extremen Möglichkeiten herzustellen, weshalb selbst Nietzsche, der gewöhnlich als Kritiker dieser aristotelischen Mesotes-Lehre gilt, in einer im Nachlass überlieferten Bemerkung meint: "Die Lehre meden agan wendet sich an Menschen mit überströmender Kraft – nicht an die Mittelmäßigen."
Wir müssen die Angelegenheit nicht unbedingt so pathetisch betrachten wie Nietzsche, sondern können uns alle als Kandidaten für ein im moralischen Sinne gutes Leben ansehen, zu dem die reflexive Erfahrung von Glück gehört. Ohne die Bedeutung des unmittelbaren emotionalen Erlebens von Glück schmälern zu wollen, lässt sich für das subjektive Glück im reflexiven Sinne aber noch folgende Überlegung ins Spiel bringen: Das emotionale Erleben von Glück kann (ebenso wie die anderen Formen des Glücks im subjektiven Sinne) kein andauernder Zustand sein, sondern nur eine Frage von (mehr oder weniger langen) Momenten. Dies hat mit der Dynamik des Lebens zu tun, die stets eine Spannung bzw. ein Spiel zwischen Zuständen, in denen wir uns befinden, und solchen, in denen wir sein möchten oder sollten bzw. die zu erreichen wir anstreben, einschließt. Aus der Annahme, dass es einen anzustrebenden, immerwährenden Zustand des Glücks geben könnte, würde paradoxerweise folgen, dass es für Menschen überhaupt kein Glück gibt, denn das Erreichen eines Ziels schließt gewöhnlich den Wunsch ein, das nächste Ziel zu erreichen. Diese Dynamik hindert uns freilich nicht, von Zeit zu Zeit glücklich zu sein. Diese Situation lässt sich mit der eines Wissenschaftlers vergleichen, für den die Lösung eines Problems bedeutet, dass sich potenziell unendlich viele neue Probleme eröffnen. Dies ist jedoch ganz bestimmt kein Grund zu verzweifeln, denn die Lösung eines Problems bedeutet einem Wissenschaftler sehr viel und schafft viele Fälle zeitweiligen Glücks.

Das emotionale Erleben von Glück stellt uns scheinbar auch in einer anderen Hinsicht vor ein Problem: Und zwar ist ein rein emotionales Erleben nur möglich, wenn wir im jeweiligen Augenblick leben. Sowie wir das Leben in einem größeren Zusammenhang oder überhaupt als Ganzes betrachten, können wir nicht schlichtweg gewisse Empfindungen oder die Erfüllung von Bedürfnissen oder Wünschen genießen, da wir uns stets bewusst sein müssen, dass nicht alle Wünsche erfüllt werden können, dass bestimmte Gefühle in manchen Situationen nicht angebracht sind oder was auch immer, und da wir darüber unglücklich sein müssten. Wenn wir es als sinnvoll ansehen, über unser Leben zu reflektieren, oder ein "Leben ohne Selbsterforschung" mit Sokrates sogar als etwas ansehen, das aus menschlicher Sicht "gar nicht verdient, gelebt zu werden", d.h., wenn wir die menschliche Person und das menschliche Leben als Ganzes betrachten und überlegen, ob es möglich ist, angesichts des gesamten menschlichen Lebens glücklich zu sein, dann kommt die reflexive Erfahrung von Glück ins Spiel.

Da die reflexive Erfahrung von Glück eine gewisse Distanz zu unseren unmittelbaren Bedürfnissen und Empfindungen einschließt, erlaubt sie uns längere Phasen subjektiven Glücks, auch wenn sie ebenso wenig wie das emotionale Erleben ein immerwährender Zustand sein kann (allein schon deshalb, weil es Situationen gibt, in denen eine solche Distanz unmöglich ist, z.B. dann, wenn unserem Leben Glück im objektiven Sinn extrem abgeht, wenn wir eine uns sehr nahe stehende oder geliebte Person verlieren oder wenn eine Tatsache aus anderen Gründen allzu schrecklich ist, wie dies etwa auf Kriege oder die Schoah zutreffen mag). Wie im Roman eines Schicksalslosen von Imre Kertész zu lesen ist, war es nichtsdestotrotz sogar in Auschwitz möglich, Augenblicke von Glück zu erfahren. Wenn es selbst für Menschen, die extrem leiden, möglich ist, Glück zu erleben oder zu erfahren, so besteht jedoch für uns kein Anlass, uns zu schämen, dass wir mitunter glücklich sind, obwohl es in der Welt Hunger, Folter und anderes Leid gibt.
In diesem Sinne schreibt Wittgenstein im Satz 6.43 des Tractatus: "Wenn das gute oder böse Wollen die Welt ändert, so kann es nur die Grenzen der Welt ändern, nicht die Tatsachen; nicht das, was durch die Sprache ausgedrückt werden kann. Kurz, die Welt muss dann dadurch überhaupt eine andere werden. Sie muß sozusagen als Ganzes abnehmen oder zunehmen. Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen." So gesehen verändern wir die gesamte Welt, wenn wir durch moralisches Handeln glücklich werden. Mit Wittgenstein möchte ich Sie alle dazu herzlich einladen, auch wenn ich wiederum mit ihm zugestehen muss, dass ich unbeschadet der vielen Worte durch die Sprache nicht angemessen ausdrücken kann, was es letztlich bedeutet, im moralischen Sinne glücklich zu sein.







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