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01 2010

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Joachim Kahl:
Aktuelle Atheismus-Debatten. Ein strukturierender Überblick


Historisch berichtender Teil

Seit dem Flugzeugattentat muslimischer Fanatiker am 11. September 2001 haben – wie mit einem Donnerschlag – alle religionsphilosophischen und religionspolitischen Debatten erheblich an Schärfe und Breite zugenommen. Bis dahin fanden religionskritische Publikationen etwa zum Gewaltpotential in monotheistischen Glaubensrichtungen nur mäßige Resonanz. Nach dem Attentat begann die durchaus erklärungsbedürftige Sprachregelung einer „Wiederkehr der Religion“ und – geringfügig später – einer „Wiederkehr des Atheismus“ in den Medien und in der akademischer Publizistik herumzugeistern.

Dies war freilich nur möglich, weil gleichzeitig – vornehmlich in den USA, aber nicht nur dort – offen wissenschaftsfeindliche Strömungen wie der Kreationismus, allgemeiner: ein biblischer Fundamentalismus an Boden gewonnen hatten. So entwickelte sich das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zu einem ungewöhnlich lebendigen Zeitraum heftiger geistiger Auseinandersetzungen, oft in Gestalt medienschnittiger Schaukämpfe. In zeitgenössischen Kostümierungen wurden und werden uralte Konflikte zwischen Wissen und Glauben, zwischen Offenbarungsanspruch und Vernunft, zwischen Sakralität und Säkularität, ausgetragen, nicht selten auch gezielt inszeniert – alles auf dem Kenntnis- und Problemstand von heute.

Dabei erweist sich, dass die mentalen Fehlhaltungen Dogmatismus, Fanatismus und Zelotismus keineswegs nur religiöse Verirrungen sind, sondern inhaltsunabhängig in Parteiungen aller Art auftreten. Auch die Figuren des intellektuellen Leichtmatrosen und die des Klugredners – gelegentlich vereint in einer Person – sind überall präsent. Die Tugend einer aufgeklärten und streitbaren Toleranz in der Tradition eines Erasmus, eines Voltaire, eines Lessing, eines Bertrand Russell hat einen schweren, aber keineswegs hoffnungslosen Stand.

Eröffnet wurde die dichte Abfolge von Ereignissen und Verlautbarungen mit einem Essay des Berliner Philosophen Herbert Schnädelbach in der Zeit vom 11.5. 2000 unter dem Titel Der Fluch des Christentums. Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion. Eine kulturelle Bilanz nach 2000 Jahren – einer klugen und kundigen Generalabrechnung ohne bilderstürmerische Kurzschlüsse. Im Herbst 2001 hielt Jürgen Habermas anlässlich der Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels seine Paulskirchenrede unter dem Titel Glauben und Wissen. Darin gab er sich zwar weiterhin – mit den Worten Max Webers – als „religiös unmusikalisch“ zu erkennen. Aber zugleich machte er mit der fragwürdigen Gegenwartsdiagnose einer „postsäkularen Gesellschaft“ der Religion und ihrem vermeintlichen „Glutkern“ erhebliche Avancen.

Diese Avancen wurden in einem Gespräch mit Kardinal Joseph Ratzinger in der katholischen Akademie Bayern 2004 noch deutlicher, als er die Gefahr einer „’entgleisenden’ Säkularisierung der Gesellschaft im ganzen“ beschwor (Jürgen Habermas/Joseph Ratzinger Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion, 2005, Herder, Freiburg). In bewusster Abgrenzung gegen Kant und Hegel verzichtete er auf den „philosophischen Anspruch, selber zu bestimmen, was von den Gehalten religiöser Traditionen – über das gesellschaftlich institutionalisierte Weltwissen hinaus – wahr oder falsch ist.“ Dieser fatale Verzicht steigerte sich in der Schrift Ein Bewußtsein von dem, was fehlt, die auf eine Diskussion in der Münchener Jesuitenhochschule zurückgeht (Untertitel Eine Diskussion mit Jürgen Habermas, hg. Von Michael Reder und Josef Schmidt, 2008, Suhrkamp, Frankfurt) zu der positiven These, gerade die „postsäkulare Gesellschaft“ benötige „das Unabgegoltene in den religiösen Menschheitsüberlieferungen“. Worin dieses „Unabgegoltene“ bestehe, verriet Habermas freilich nicht.
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