01 2010
| Leseprobe BERICHT |
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Christof Rapp:
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Motive für eine Rückkehr zur antiken Ethik Die drei wichtigsten Stichwortgeber für den modernen Aristotelismus in Fragen der Ethik, Elizabeth Anscombe, Alasdair MacIntyre und Bernard Williams, betonen die Andersartigkeit der antiken Ethik. Mit dem Rückgriff auf Aristoteles wollen sie Versäumnisse, Verengungen und Fehlentwicklungen der gegenwärtigen Ethik heilen oder kompensieren. Für Anscombe ist das deontologische Vokabular nach der Auflösung der religiösen Autoritäten in der Gegenwart leer geworden und deshalb empfiehlt sie die Rückkehr zu den sogenannten „dicken“ Konzepten der Aristotelischen Tugendethik. MacIntyre diagnostiziert eine moralische Krise der Gegenwart, die ihren stärksten Ausdruck in der Unvereinbarkeit konkurrierender moralischer Standpunkte finde. Da dieser Zustand historisch gesehen eine Folge des misslungenen Projekts der Aufklärung sei, ist für MacIntyre mehr oder weniger alles unverdächtig, was der Aufklärung voraus liegt. Speziell die Antike (und da besonders Aristoteles) ist für ihn vorbildhaft, da deren Modell einer politisch-moralischen Gemeinschaft und das durch sie gemeinschaftlich verfolgte Ziel erst eine Übereinstimmung in moralischen Fragen möglich mache. Bernard Williams geht auf subtilere Weise vor. Er sieht das System der Moralität als ein Phänomen an, das in der Neuzeit und der Moderne vorherrscht und unsere moralischen Intuitionen durch die Tendenz verwirrt, möglichst viele ethische Erwägungen auf moralische Verpflichtungen zurückzuführen, welche strikt von allen anderen, kontingenten Gründen und Motiven zu unterscheiden sind. Vor diesem Hintergrund dient der Rückgriff auf die Antike dazu, einen weiteren oder ursprünglicheren, jedenfalls einen vom System der Moralität unbelasteten Zugang zu der Vielfalt ethischer Fragen zurück zu gewinnen. In allen genannten Fällen scheint der Rückgriff auf die Antike geboten; erstens, weil sich die antiken Positionen auf signifikante Weise anders verhalten als bestimmte als unbefriedigend angesehene moderne Positionen, dabei aber dennoch Antworten auf dieselben Fragen geben, die auch wir uns stellen oder uns stellen sollten; zweitens, weil die Antike einer historischen Entwicklung voraus liegt, die zumindest im Ergebnis zu Verengung, Irreführung oder Verschleierung führte. Die Popularität des Aristoteles Obwohl die Renaissance antiker Ethiken in den letzten Jahrzehnten fast keine antike Schule und keinen antiken Moralphilosophen ausgespart hat, ist die Popularität von Aristoteles innerhalb dieses Prozesses kein Zufall. Viele Autoren berufen sich auf Aristoteles, - weil dessen Ethik im Vergleich zur Platonischen mit weniger metaphysischer Hintergrundtheorie belastet scheint; - weil die Aristotelischen Tugendkataloge offener und besser erweiterbar erscheinen als die Tugendsysteme bei Platon und den Stoikern; - weil die kognitiven Anforderungen bei Platon und der Stoa bisweilen als unerfüllbar hoch angesehen werden, während Aristoteles demgegenüber realistischer scheint; - weil von der Mehrzahl der modernen Autoren der abwägenden Haltung des Aristoteles in der Frage der Glückssuffizienz der Tugenden gegenüber dem stoischen Rigorismus der Vorzug eingeräumt wird; - weil Aristoteles' Haltung zu den nicht-rationalen Antrieben sowie der Rolle der Lust sowohl gegenüber Platon als auch gegenüber den Stoikern als differenzierter und zulassender angesehen wird; - und vermutlich auch, weil seine Schriften, besonders die ethischen, als leichter zugänglich gelten als die Fragmente der Stoiker und sie eine eindeutigere ethische Zielsetzung verfolgen als die Platonischen Dialoge. ... |
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