01 2010
| Leseprobe ESSAY |
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Josef Früchtl:
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Die Ausweitung des Kulturbegriffs Wer heute von Kultur spricht, sieht sich nicht nur mit einer massiven Ausweitung, sondern auch einer markanten Umpolung der Bedeutung dieses Wortes konfrontiert. Stets noch meint es zunächst jenen abgezirkelten Bereich, in dem vor allem die Kunst zuhause ist, aber auch die Wissenschaft und, als vermittelnde Größe, die Philosophie. Es meint jenes eingefriedete Reich, für das das Bürgertum des 19. Jahrhunderts die Formel vom Wahren, Schönen und Guten prägt. Für Kultur in diesem Sinne sind Museen, Theater- und Opernhäuser, Programmkinos, Kunstvereine, Buchläden und die Feuilletonseiten der Zeitung, schließlich Ressorts und Ministerien zuständig. Dem steht eine weite Bedeutung gegenüber, nach der Kultur kein Begriff, sondern ein Inbegriff alles dessen ist, was von Menschen gemacht wird. Sie ist in dieser weiten, holistischen Bedeutung synonym mit „Lebensform“. Und diese umfasst nicht nur den sozialen Bedeutungsaspekt. Auch die Rede von „Monokultur“, „Kulturlandschaft“ und „Bakterienkultur“ ist in diesem Kontext möglich. Für diese Ausweitung des Kulturbegriffs gibt es unterschiedliche Gründe. Soziologisch und ökonomisch relevant ist das Aufkommen der sogenannten Massen- und später der Konsumgesellschaft in den westlichen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts. Was einmal hohe Kultur war, also Kultur im engen Sinne, wird nun zu einem Konsumgut der Massen, Die Massengesellschaft erfordert eine industrielle Produktion der Kultur, eine „Kulturindustrie“, so der von Horkheimer und Adorno in den 1940er Jahren geprägte Begriff. Ende der 80er Jahre schiebt sich dann der Begriff der „Kulturgesellschaft“ und das Stichwort von der „Ästhetisierung der Lebenswelt“ nach vorne. Ideen- und wissenschaftshistorisch tragen zur selben Zeit der französisch inspirierte Postmodernismus und die angelsächsisch praktizierten cultural studies zur Ausweitung des Kulturbegriffs bei. Es gibt dafür aber auch politische Gründe – worauf insbesondere Terry Eagleton aufmerksam gemacht hat. Für die nationalen Befreiungsbewegungen, die seit den 1950er Jahren von Vietnam bis Angola um sich greifen, und auch für die Frauenbewegung, zumindest in einer bestimmten Phase, sind es nicht mehr nur Begriffe wie Eigentum, Armut und Ausbeutung, sondern Begriffe der Identität, der (eigenen) Geschichte und der (eigenen) Sprache, die bestimmend werden. Der Akzent des globalen Emanzipationsdiskurses verschiebt sich von der Politik auf die Kultur, auf die je eigene Lebensform. Die politische Linke eignet sich somit eine Begrifflichkeit an, die, auch daran erinnert Eagleton, in der Rechten schon lange zuhause ist und in unseren Tagen unter der Regentschaft der US-amerikanischen Neokonservativen zur Rechtfertigung einer Politik diente, angesichts derer Eagleton nicht zögert, sie „barbarisch“ zu nennen. Damit fällt das Stichwort, das es ihm erlaubt zu sagen, dass die Neokonservativen sich in dieser Hinsicht mit ihren Feinden treffen. Als wissenschaftlich-philosophische Zeugen führt er Leo Strauss und Samuel P. Huntington an. „In der Welt nach dem Kalten Krieg,“ so kann man im Kampf der Kulturen (1) lesen, „ zählen Flaggen und andere Symbole kultureller Identität wie Kreuze, Halbmonde und sogar Kopfbedeckungen; denn Kultur zählt.“ Kultur und Zivilisation Dem Begriff der Kultur widerfährt in diesem Kontext aber nicht nur eine semantische Ausweitung, sondern auch eine Umpolung. Seine Opposition zum Begriff der Barbarei löst sich auf. Stattdessen kehrt, wenn Eagleton recht hat, eine andere Opposition wieder, diejenige von Kultur und Zivilisation. Das ist insofern überraschend, als das Begriffspaar Kultur-Zivilisation eine Grundlinie der klassischen, mit Immanuel Kant beginnenden Kulturkritik vorgibt und zudem ein sehr deutsches Begriffspaar bezeichnet. Kant appelliert ja nicht mehr wie Rousseau an die Natur. An die Stelle einer externen, tritt vielmehr eine interne Unterscheidung, diejenige zwischen Kultur und Zivilisation. Das Unterscheidungsmerkmal liegt in die Moralität: Solange wir uns nur (aus letztlich egoistischen Motiven) den geltenden Regeln einer durch Gesetze und Anstandsregeln ausgezeichneten Gemeinschaft gemäß verhalten, sind wir lediglich zivilisiert; kultiviert sind wir erst, wenn wir das auch aus Überzeugung tun. Nur im Deutschen ist in der Folge Zivilisation ein Antonym zu Kultur und eine spezifische Ideologie geworden. Und sie wird nun offenbar seit den 1960er Jahren entaristokratisiert und entnationalisiert. Der Kultur wird erneut Vorrang vor der Politik zugesprochen. ... |
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