Die Textgrundlage für die Fichte-Forschung
Ende Januar 1814 starb der Johann Gottlieb Fichte an den Folgen der Befreiungskriege gegen Napoleon, nämlich am Typhus, mit dem ihn die Gattin, aus dem Militärlazarett nach Hause kommend, angesteckt hatte. Viel Reichtum wird Fichte Frau und Kind nicht hinterlassen haben. Was lag näher, als dass die beiden den Auftrag, das wissenschaftliche Erbe des Verstorbenen tätig zu bewahren, mit der Sorge für die eigene wirtschaftliche Subsistenz verbanden?
Frau Marie Johanne und Sohn Immanuel Hermann Fichte schreiben an den damals wohl potentesten Verleger J. F. Cotta und bieten ihm eine Ausgabe „Sämtlicher Schriften“, und zwar „zwölf oder mehrere Bände“ zum Verlag an. Zu einer solchen ersten Gesamtausgabe kommt es nicht. Weshalb – ist nicht mehr ganz auszumachen, weil Cottas Gegenbriefe fehlen. Vermutlich wegen urheberrechtlicher Schwierigkeiten: Fichte hatte bei neun anderen Verlegern von Königsberg bis Jena Bücher veröffentlicht. Cotta beließ es deshalb bei drei einzelnen Büchern.
1830 veröffentlichte I. H. Fichte die erste Biographie seines Vaters: „Johann Gottlieb Fichte’s Leben und litterarischer Briefwechsel“, 2 Bände. Im selben Jahr wollte er an die Biographie sofort die drei Bände der „Nachgelassenen Werke“ anschließen. Hier kamen „die großen politischen Ereignisse des Jahres 1830, und die daraus entstehende Unsicherheit für alle literarischen Unternehmungen“ (SW IX, S. VI) dazwischen und verzögerten dieses Unternehmung um 4-5 Jahre. Und es dauerte weitere zehn Jahre bis zur Publikation der acht Bände Sämtliche Werke (Berlin 1845/46). Diese elfbändige Ausgabe bildete über 100 Jahre die Textgrundlage für die Fichte-Forschung, und das gilt sogar weithin bis heute. Denn der preiswerte fotomechanische Nachdruck des De Gruyter-Verlags (1962–65; 1971) legt jedem Philosophiestudenten den Erwerb dieser Ausgabe nahe.
Moderne Anforderungen an eine Ausgabe
Über das gewaltige Verdienst I. H. Fichtes als Herausgeber zu sprechen erübrigt sich. Seit 1845 sind aber die Ansprüche, die man aus wissenschaftlicher Sicht an eine Edition stellt, erheblich größer geworden. Deshalb sieht man es heute als untragbar an, wenn eine Edition die Texte nicht in streng chronologischer Reihenfolge bringt, sondern sie nach Sachgebieten zusammenstellt. Die Kriterien einer solchen Ordnung lassen sich selten über den Tag hinaus aufrechterhalten. Ebensowenig wird heute toleriert, dass man nicht deutlich macht, welche Werke der Autor selbst im Druck veröffentlicht hat und welche er nur für seinen privaten Gebrauch oder als Grundlage für seine Lehrtätigkeit an einer Schule oder Universität verfasste. Diese Trennung in „Werke“ und „Nachgelassene Schriften“ war im 19. Jahrhundert noch nicht editorischer Standard.
Auch nicht die kritische Transkription der Nachlassmanuskripte, die ihren Zustand mit den Verschreibungen, Verbesserungen, Einfügungen, Auslassungen möglichst exakt wiedergibt. Diese Informationen machen ja zusammen mit der inhaltlichen Kommentierung über Entstehungsumstände, Anlass und unmittelbare Wirkung der entsprechenden Schrift erst ein zureichendes Studium und Verständnis möglich. Zur Zeit der Abfassung selbstverständliche Hintergrunddetails und Anspielungen bedürfen nach 200 Jahren sehr wohl einer Erläuterung. Auch war es früher nicht üblich, Zutaten und Änderungen, die der Herausgeber am Originaltext vornahm, genau zu kennzeichnen. Und nicht zuletzt waren damals den Bestrebungen, möglichst alle Schriften zu erfassen und der Öffentlichkeit vorzulegen, organisatorische und auch finanzielle Grenzen gesetzt.
Weitere Ausgaben
Um 1871 sprach man nur noch von den nationalen Gedanken Fichtes. Der Historiker und Politiker Treitschke war Initiator für diese Reduzierung Fichtes zum ideologischen Gründervater des deutschen Aufstiegs zur Weltmacht der sog. Gründerzeit. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts sah Fritz Medicus die Zeit reif, das eigentlich philosophische Werk Fichtes wieder zur Geltung zu bringen. 1911/12 gab er mit seiner sechsbändigen Ausgabe im Verlag Meiner der Fichte-Forschung neue Impulse. Die Texte wurden aus der Ausgabe des Fichte-Sohns genommen. 1925 folgte die lange maßgebliche zweibändige kritische Gesamtausgabe der Korrespondenz Fichtes von Hans Schulz.
Während des Philosophiestudiums wies Georg Misch seinen Schüler Hans Jacob (1898-1969) auf den teilweise unveröffentlichten Fichte-Nachlass der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin hin. 1910 hatte nämlich die Familie von Fichte den Großteil des Nachlasses der Berliner Bibliothek übergeben. Jacob sichtete und entzifferte die ihm wichtigsten Handschriften. 1937 konnte er einen Band der „Nachgelassenen Schriften“ herausbringen. Aufgrund seiner editorischen und philologischen Fähigkeiten war er als Leiter eines Instituts für wissenschaftliche philosophische Edition in Berlin vorgesehen. Der zweite Weltkrieg zerstörte die diesbezüglichen Hoffnungen wie auch die Druckstöcke eines fast fertigen weiteren Bandes.
Nachdem sich im 1. Weltkrieg die Nationalisten seiner bemächtigt hatten, waren es nun die Nationalsozialisten. Ein Grund, warum Fichte in den Nachkriegsjahren wenig Interesse und nur geringe Wertschätzung fand.
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