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04 2009

Leseprobe    INTERVIEW Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Appiah, Kwame Anthony: "Experiments in Ethics“.

Warum schrieben Sie „Experiments in Ethics“?

Ursprünglich wollte ich ein Buch schreiben, das das Verhältnis der Ethik zu zahlreichen anderen Disziplinen beleuchten soll, beispielsweise zur Psychologie, Soziologie, Anthropologie, Literaturwissenschaften und Geschichte. Dieses doch sehr weite Spektrum wurde dann unter anderem durch Gespräche mit Joshua Knobe Joshua Greene und Jonathan Haidt – also mit Leuten, die mit psychologischen und neurowissenschaftlichen Methoden moralisches Verhalten untersuchen – eingegrenzt. Ich war sehr interessiert an deren empirischen Arbeiten über die psychologischen und neurologischen Mechanismen, welche moralischen Urteilen in einer – noch genauer zu untersuchenden Form – zugrunde liegen könnten.

Unterscheidet Sie dieses Interesse von anderen Moralphilosophen?

Ich denke, ich habe eine offene Haltung zu diesen empirischen Fragen – offener als andere Moralphilosophen. Viele sind der Ansicht, dass diese Forschungen für ihre Arbeit irrelevant sind. Dies ist mit Sicherheit falsch. Gewiss gibt es auch Psychologen, welche mit einem derart empirischen Zugang zur Ethik die Moralphilosophie quasi übernehmen wollen und denken, auf die Mitarbeit von Philosophen verzichten zu können. Auch das dürfte falsch sein.

Worin sehen Sie die größte Schwierigkeit im Hinblick auf eine „experimentelle Ethik“?

Die schwierigsten Fragen dürften sich im Rahmen einer „moralischen Epistemologie“ stellen – also wenn es darum geht, den erkenntnistheoretischen Charakter der in diesen Experimenten untersuchten Entitäten zu bestimmen. Viele der im Bereich der empirischen Ethik arbeitenden Forscher begannen als Antirealisten und sind demnach der Ansicht, normative Entitäten existieren nicht im gleichen Sinn wie Entitäten der natürlichen Welt. Ich bin aber nicht sicher, inwieweit dieser Antirealismus in Bezug auf die Ethik wirklich zutrifft, wenngleich ich sicher Sympathien dafür habe. Grund dafür ist, dass meiner Ansicht nach Menschen mehrere inkompatible Bilder über die Welt haben, je nach Kontext und je nach Problem, das es zu lösen gilt. Die Weltsicht der Psychologie entspricht nicht jener der Physik und auch nicht jener unseres alltäglichen Zugangs zur Welt. Wir können diese Sichtweisen auf die Welt weder vereinheitlichen noch die anderen zu Gunsten einer einzigen aufgeben, auch wenn wir zuweilen gewisse Weltsichten aufgegeben haben.

In der Ethik hat der kohärentistische Ansatz – also die Idee, Werte, Prinzipien und Einzelfallurteile stünden in Kohärenz zueinander, was die Begründung moralischer Urteile erlaubt – derzeit einen hohen Stellenwert. Steht dies nicht in einem Spannungsverhältnis zu Ihrer These der inkompatiblen Weltsichten?

Das Problem der kohärentistischen Ethik ist, dass unklar ist, was alles zueinander in Kohärenz gebracht werden sollte. So etwas wie eine „globale Kohärenz“ zwischen den oben genannten Weltsichten ist meines Erachtens unmöglich. Dann ist weiter unklar, was Kohärenz eigentlich meint. Manche halten Kohärenz für eine Form logischer Konsistenz. Doch auch das dürfte absurde Konsequenzen haben – ganz abgesehen davon, dass wir gar nicht wüssten, wie wir unsere unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt in eine logische Konsistenz bringen sollten. Die Rede von Kohärenz macht meines Erachtens nur innerhalb einer bestimmten Weltsicht Sinn, die für die Lösung eines mehr oder weniger klar umrissenen Problems angemessen ist. Kohärenz ist nur lokal und in Relation zu einer bestimmten Fragestellung gegeben. Unabhängig davon denke ich aber, dass wir in nur einem Universum leben und die Tatsache, dass es unterschiedliche Bilder des Universums gibt nicht heisst, dass es unterschiedliche Realitäten gibt – in diesem Sinn bin ich kein Relativist. Die Leute gehen aber zu rasch von der Aussage, es gebe nur ein Universum zur Aussage, es gebe nur ein Bild vom Universum.
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