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04 2009

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Christoph Demmerling:
Demmerling: Echte und unechte Gefühle.

Was sind Gefühle?

Gefühle werden ähnlich wie Gedanken, Wahrnehmungen oder Empfindungen häufig als geistige Zustände oder Prozesse aufgefasst. Gefühle sind jedoch keine ‚rein’ geistigen Gebilde, sondern sie sind – anders und in einem stärkeren Ausmaß als Gedanken oder Überzeugungen – mit bestimmten körperlichen (physiologischen) Prozessen verbunden, die nicht im engeren Sinne mentaler Art sind. Außerdem stellen Gefühle qualitative Zustände oder Prozesse dar, die aus der Perspektive dessen, der sie hat, auf eine bestimmte Weise erfahren werden. Gefühle sind nicht nur von Gedanken, sondern auch von bloßen Empfindungen wie einer Hitzewallung oder einem Schmerz im Knie zu unterscheiden. Die meisten Gefühle haben einen Gehalt und lassen sich anders als bloße Empfindungen – im Übrigen wie Gedanken oder Überzeugungen – als intentionale Zustände charakterisieren. Gefühle sind auf Objekte oder Sachverhalte bezogen, d.h. sie weisen einen Weltbezug auf.

Gefühle bilden zwar keine natürliche Art, so dass sich mit Hilfe einer allgemeinen Definition notwendige und hinreichende Bedingungen angeben ließen, die ein Gefühl erfüllen müsste, um als Gefühl gelten zu können. Ich gehe vielmehr davon aus, dass es eine Reihe von Gefühlen wie z.B. Angst, Scham oder Neid gibt, die sich bestimmte Merkmale teilen, dass es aber auch Gefühle gibt – man denke an Dankbarkeit –, bei denen dies nicht der Fall ist. Statt nach einer allgemeinen Definition zu suchen, ist es sinnvoller davon auszugehen, dass Verwandtschaften von Gefühlen nicht aufgrund gemeinsam geteilter Merkmale, sondern aufgrund von Familienähnlichkeit bestehen. Im Kernbereich lassen sich allerdings trotzdem gewisse Aspekte auszeichnen.

Ein Beispiel verdeutlicht dies. Maria ist ziemlich aufgeregt vor ihrem Examen. Sie hat Angst durchzufallen, irgendetwas nicht zu wissen, eine schlechte Note zu erhalten. Das ist der Weltbezug der Angst. Marias Angst nun lässt sich aus mehreren Perspektiven betrachten. Wir können sie von außen beschreiben und das bleiche Gesicht erwähnen, den leicht zitternden Körper. Ein Mediziner könnte sie an bestimmte Geräte anschließen. Er könnte den Blutdruck und den Puls messen und etwas über die neuronalen Prozesse sagen, die sich in ihrem Nervensystem und Gehirn abspielen. Das ist die Außenperspektive auf Marias Angst, die Perspektive der dritten Person. Hier werden die mit der Angst verbundenen körperlichen Prozesse erfasst, und das für die Angst typische Ausdrucksverhalten wird registriert. Für Maria selbst aber ist die Angst zunächst einmal keine Frage der Pulsfrequenz oder neuronaler Prozesse. Es fühlt sich für sie auf eine bestimmte Weise an, diese Angst zu haben. Um diesen Aspekt zu charakterisieren, bieten sich ein Begriff wie derjenige des phänomenalen Erlebens und die Rede von der Subjektivität der Gefühle an.

Das Beispiel zeigt, dass Gefühle in physiologischen und neuronalen Prozessen wurzeln, aber eine davon zu unterscheidende Empfindungsqualität besitzen, eine phänomenale Qualität, die an die Perspektive der ersten Person gebunden ist und sich nicht auf physiologische Komponenten reduzieren lässt.

Mit dem intentionalen Gehalt, dem mit Gefühlen verbundenen physiologischen Geschehen und dem phänomenalen Erleben sind drei Aspekte von Gefühlen genannt, die im Zusammenhang mit einer Antwort auf die Frage, was ein Gefühl ist, von besonderer Wichtigkeit sind. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass in einer ganzen Reihe von Fällen weitere Aspekte – ich nenne lediglich die Handlungsmotivation – zu berücksichtigen sind.
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